Vertrag und Shop

Geschrieben von Thomas Reineking

Nun mal etwas detailiierter:

Meine Berufsbezeichnung war "selbstständiger Kaufmann auf gepachteten Tankstellen". In der Vergangenheit war die "Selbstständigkeit" schon ab und an fragwürdig, wurde vom Vertragspartner doch sehr genau ausgesteuert, wieviel Gewinn realisierbar war.

Aber man ließ mich leben und ich hatte zumindest wenn es eng wurde, die Möglichkeit, Ware dort zu kaufen, wo sie preiswerter als bei meinem Vertragspartner (der ja auch mein Großhändler war) zu haben war.

Nach einigen bemerkenswerten Vorgängen Ende 2018/Anfang 2019 (damals stiegen z.B. die Einkaufspreise für Tabakprodukte ohne Ankündigung und verdeckt massiv an, versprochene Zahlungen blieben aus, die Gewinnplanung wurde nach unten angepaßt) machte ich davon Gebrauch und kaufte wesentliche Teile, insbesondere eben Tabak, bei einem lokalen Großhändler ein.

Am Ende des Jahres wurde mir bewußt, wieviel Geld ich insgesamt hatte liegenlassen. Enorme Summen über die Jahre. Aber man hatte mich ja auch leben lassen und kam, wenn auch immer wieder in letzter Sekunde und, Anfang 2020, erst nach massiven Interventionen (die, eigentlich lokal geplant, sich bald bundesweit ausdehnten), auch mit Zuschüßen daher, die den Gewinn wieder etwas erhöhten. 

Sicher nicht in einen Bereich, bei dem ein selbstständiger Kaufmann z.B. im LEH wohlwollend genickt hätte, aber immerhin.

Mit dem neuen Vertrag, der mir im Frühjar 2021 vorgelegt wurde, sollte damit Schluss sein. Mein Geschäftspartner reklamierte mit diesem Vertrag, dass es nun das Shopgeschäft übernehmen wollen würde und ich für die Shopumsätze noch eine Provision bekommen sollte. Dafür sollte die Auswahl der Produkte, die Platzierung, der Preis und die Menge nun komplett in seiner Verantwortung liegen.

Mir würde dann nur noch ein Geschäftszweig, die Wäschen, bleiben, in dem ich Preise und Erträge selber hätte planen und realisieren können. Damit hätte ich irgendwas zwischen 10 und 15 Prozent, je nach Lage des Betriebes, noch selber steuern können.

Alle weiteren Erträge, also Provisionen aus den beiden anderen, umsatzstarken Bereichen, sollten damit bei meinem Geschäftspartner und damit seinen Fähig- und Möglichkeiten unterliegen. Zusammen hätten diese Bereiche wohl maximal die Hälte der Kosten und meines Gewinnes erwirtschaften können.

Der notwendige Rest, eine Zahl im für mich persönlich höheren sechstelligen Bereich, wäre unterjährig als ratierlich gezahlter Zuschuss monatlich angewiesen worden. Ob, wann und unter welchen Umständen diese Zahl hätte angepaßt werden sollen, war im Vertrag für mich nicht erkennbar definiert.

Ohne an dieser Stelle in Details zu gehen, hier war für mich eine Grenze erreicht, die ich nicht überschreiten wollte. Was in der letzten Konsequenz zur Kündigung meiner Verträge durch meinen Geschäftspartner führte.

Ich wundere mich bis heute, warum so viele Kollegen glauben, dass dieses Vorhaben in ein für alle Beteiligten positives Ergebnis führen kann. Ohne den Beteiligten in der Systemzentrale zu nahe treten zu wollen: Da versuchen (vermutlich junge und hoffentlich engagierte) Menschen, womöglich frisch aus dem Studium kommend, Einzelhandel zu spielen, ohne jemals verantwortlich und über längere Zeit in einem Einzelhandelsgeschäft mit Mitarbeiterverantwortung überlebt zu haben.

Es hat seinen Grund, warum Kaufleute erst nach einer fundierten Ausbildung (sei es durch Lehre oder das Leben initiiert) und nach Jahren der Praxiserfahrung ein solches Geschäft erfolgreich betreiben können.

Die reine Theorie eines Studiums der Wirtschaftswissenschaften oder ähnlicher Zweige reicht dafür sicher nicht. Und diesen Menschen lege ich mein Schicksal in die Hände? Mit allem, was da an Verantwortung und Verpflichtung für mich persönlich daran hängt? Mit der Macht des großen mütterlichen Geldgebers im Rücken, der für sein eingesetzes Kapital eine, vorsichtig formuliert, anspruchsvolle Verzinsung fordert?

Von daher war und ist meine Entscheidung die Richtige. Bei allen wirtschaftlichen Unsicher- und Unwägbarkeiten. Jetzt bin ich in erster Linie für mich verantwortlich und das ist auch gut so.

Es ist übrigens so gut wie unmöglich, alle Verstrickungen innerhalb des Gesamtkonstuktes zu überblicken. Zu sehr verwoben sind die einzelnen Aspekte im vertraglichen und tätigem Bereich, als dass man dies in wenigen Sätzen einem Menschen erklären kann, der lediglich den Blick von aussen hat.

Vielleicht, und da verstehe ich die Hoffnung meiner Exkollegen ab und an, führt aber genau das irgendwann zur Lösung. Entweder, in dem das Vorhaben als gescheitert erklärt wird (mit welchen Folgen dann auch immer) oder in dem es funktioniert.

Wenn ich letzeres Glauben würde, würde ich aber auch glauben, dass das berühmte Kamel durch das Nadelöhr passt. Und für diese Analogie bin ich dann doch etwas zu alt!